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Die Wittgenstein-Therapie

 

Ein Basler Unternehmer, der immer schon als Kontrollfreak gegolten hatte, ist irgendwann so neurotisch geworden, dass er sich einer Therapie unterziehen musste. Auf dem Höhepunkt seiner Neurose war er nicht mehr arbeitsfähig, da er sich permanent gezwungen sah, aus seinem Büro in die Garage zu laufen, um zu kontrollieren, ob er sein Auto tatsächlich verriegelt hatte. Verständlicherweise wurde der Mann von seinen Mitarbeiter als furchtbare Plage betrachtet.

Eines Tages beschloss er, einen philosophischen Therapeuten aufzusuchen. Philosophische Therapeuten sind in der Schweiz in Mode gekommen und besonders unter Medienstars und Intellektuellen beliebt. Da das Problem des Unternehmers die fehlende Gewissheit war, beschloss der Therapeut, in diesem Fall mit Texten des Philosophen Ludwig Wittgenstein zu arbeiten, der sich viele Gedanken zum Thema Gewissheit gemacht hatte. Das war eine gute Entscheidung.

Gleich zu Beginn der ersten Sitzung sagte der Unternehmer: "Mein Problem stellt sich folgendermaßen dar: Fast alles was ich weiß, weiß ich aus zweiter Hand. Aber wer weiß schon ob alles stimmt, was die Leute erzählen? Die meisten machen sich darüber keine Gedanken. Ich schon. Ich will Gewissheit. Diese nie wirklich zu haben, macht mich ganz krank."

"Man kann das Zweifeln auch zu weit treiben", antwortete der Therapeut. "Zum Beispiel sind meine Beine unter diesem Schreibtisch verborgen. Also: Wer gibt Ihnen die Gewissheit, dass ich keine Bocksfüße habe?" "Sie verstehen recht gut was ich meine", erwiderte der Unternehmer, schon halb erleichtert. "Zum Beispiel frage ich mich oft, wenn ich nachts im Bett liege, ob nicht die Möbel lebendig werden, sobald ich eingeschlafen bin. Aber das ist nicht wirklich mein Problem. Die Eifersucht gegenüber meiner Frau: Das ist mein Problem. Dass sich meine Mitarbeiter von mir kontrolliert fühlen: Das ist mein Problem."

In den folgenden Sitzungen widmeten sich die beiden den Texten Ludwig Wittgensteins. Die Methode des Therapeuten bestand darin, dass er dem Klienten riet, seine Zweifel nicht als übertrieben oder Unsinn abzutun, sie aber auch nicht als wahr anzuerkennen, sondern sie wie eine von vielen Existenzformen zu betrachten, für die es selbstverständlich stets eine Alternative gebe. Denn Wittgenstein hatte gesagt, so wie man seine Zweifel akzeptieren kann, so kann man in die Welt des Nichtzweifelns wechseln.

"Aber muss ich nicht alle Behauptungen kritisch prüfen?" fragte der nicht vollständig überzeugte Unternehmer.
"Was als ausreichende Prüfung einer Aussage gilt", antwortete der Therapeut, also Wittgenstein, "gehört zur Logik. Es ist eine Vereinbarung, die innerhalb unseres Bezugssystems gilt. Der Zweifel ist darin selbstverständlich möglich, aber nicht notwendig."

Allmählich erkannte der Unternehmer, dass die Welt der Zweifler weder subtiler noch interessanter war als die Welt der gewöhnlichen Menschen, die vor sich hin lebten, ohne ständig alles zu bezweifeln, und dass alle Menschen stets eine große Menge Ungewissheit ertragen müssen. Nach zwanzig Sitzungen hatten beide den Eindruck, dass die Therapie erfolgreich verlaufen sei und der Unternehmer gelassener in sein bisheriges Leben zurückkehren könne, was dieser auch tat.

Jahre später stieß der Therapeut noch einmal auf den Namen des Unternehmers. Eine Zeitungsreportage schilderte die Machenschaften einer obskuren Sekte, die von einem wohlhabenden Schweizer Unternehmer gegründet worden sei, und deren Anhänger daran glaubten, dass vor hunderttausend Jahren Außerirdische auf der Erde gelandet seien, um auserwählte Menschen im Laufe von hunderttausend Jahren zu Übermenschen und somit logischerweise zu den Herren des Universums zu machen, was also in genau diesem Jahr anstünde, und weshalb die Behörden sich gezwungen sahen, besagter Sekte aus Gründen der Sicherheit des Gemeinwesens ein rasches Ende zu bereiten.