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Gilbert Adair: Avantgardismus (1997)

 

Am 10. Oktober 1993 schrieb ich das letzte Wort einer literarischen Extravaganz, die mich vier Jahre lang mehr oder weniger (über längere Zeitabschnitte weniger) beschäftigt hatte: eine englische Übersetzung von Georges Perecs metaphysischem Kriminalroman La Disparition. Eine Zeitlang hatte ich, allerdings nicht sehr ernsthaft, mit der Idee gespielt, meiner Übersetzung den Titel All About E zu geben, besteht doch die Besonderheit von La Disparition darin, dass im ganzen Text kein einziges E vorkommt, eine Auslassung, durch die, wie man sich leicht denken kann, die Aufmerksamkeit des Lesers ungleich stärker auf jenen Buchstaben gelenkt wird, als wenn er gleichmäßig über die dreihundert Seiten gestreut worden wäre. Schließlich stieß ich jedoch auf A Void, ein lockere Umschreibung von Perecs Originaltitel (dessen englische Entsprechung, The Disappearence, aus naheliegenden Gründen nicht in Frage kam), aber auch so etwas wie eine Absichtserklärung für das Buch.(1)
Perecs Roman ist nämlich ein sogenanntes Lipogramm, ein Text also, der auf einen oder mehrere Buchstaben des Alphabets verzichtet. Und obwohl es sich mitnichten um das erste derartige Experiment handelt, ist es doch bestimmt das längste und ehrgeizigste. Wenn man mir, was in jenen vier Jahren häufig vorkam, die Frage stellte, worin denn um Himmels willen der Sinn einer solch hirnrissigen Übung bestehe, hatte ich zwei Antworten auf Lager.

Erstens sei Perec der festen Ansicht gewesen, die zeitgenössische Literatur werde durch ihre eigene Freiheit eingeengt, durch das Fehlen all der Einschränkungen und Hemmnisse (von den aristotelischen Einheiten bis zur Sonettform), die in den vorangegangenen Jahrhunderten entscheidend zur plastischen Gestaltung des persönlichen Ausdrucks eines Schriftstellers beigetragen hätten. Und da solche formale Konventionen nicht mehr existierten, sei es nun die Aufgabe des Schriftstellers, sich selbst welche zu erfinden.(2)

So veröffentlichte er neben La Disparition auch eine Gedichtsammlung mit dem Titel Alphabets, die sich mehr oder weniger strikt den Prinzipien von Schönbergs Zwölftontechnik unterwarf, sowie ein Palindrom, das fünftausend (ich wiederhole: fünftausend!) Wörter umfasste. Zweitens gebe es - da sich die französische Aussprache des Buchstabens E nicht von jener des Wortes "eux" (oder "sie") unterscheiden lasse und der Jude Perec in Auschwitz seine Mutter verloren habe, deren Leid ihn bis zu seinem Tod nicht mehr losließ - gute Gründe für die Annahme, dass er "sie" allegorisch aus seinem Buch getilgt habe, nämlich die todgeweihten Juden des Holocaust, als repräsentiere Hitlers Endlösung den monströsen Versuch, einen Buchstaben des menschlichen Alphabets auszulöschen.(3)

Dies war also meine öffentliche Reaktion auf das ungläubige, ja mitleidige Kopfschütteln, dem ich in den vier Jahren begegnete, in denen ich mit dem Buch schwanger ging. Als Übersetzer von La Disparition, als ein Mensch also, der diesen Roman besser kennt als irgend jemand auf der Welt (um so mehr, als es sich um einen Text handelt, in dem es dem englischen Übersetzer auf einmalige Weise verboten ist, auch nur eine Sekunde zu schlafen, auf dass ihm kein the oder he oder they oder one oder auch eine regelmäßige Imperfektendung oder -ed unterlaufe, und dies, obwohl Perec all die französischen Entsprechungen zur Verfügung hatte), ist mir inzwischen ein weiterer Grund dafür eingefallen, weshalb ich mich auf ein solches Abenteuer einließ. Denn wirklich erstaunlich fand ich, nachdem ich einmal Tritt gefasst hatte, wie leicht man ohne sie auskommt.

Gegen Ende seines Lebens, als er nach und nach die Zähne, die Haare, das Augenlicht und das Gedächtnis verlor, erklärte der Dichter Paul Claudel, wie überraschend wenig er alle diese Dinge vermisse. Genau so ging es auch mir, allerdings auf ganz anderer Ebene, mit dem E in Perecs Roman. Mit der Zeit, und je weiter meine Übersetzung voranschritt, erwies sich nämlich das Englisch von A Void, so steif und stilisiert es zwangsläufig war, als eine Sprache wie jede andere, verfügte sie doch über ihre eigenen semantischen Regeln und auch, wie ich fest glaube, über ihr eigenes Potential zur Schönheit.
Auf den letzten hundert Seiten ging mir jene Sprache dann so leicht von der Hand, dass ich, wenn ich nach einem längeren Übersetzungsabschnitt einen Zeitungsartikel abzufassen hatte, darin zweifellos weit weniger E als sonst verwendete. Zudem ließ mich die allmähliche Gewöhnung an die Schrullen und Spitzfindigkeiten eines e-losen Englisch mit Verspätung eine Wortschöpfung der political correctness akzeptieren, die mir bis dahin stets als törichte Entgleisung erschienen war. Zu Beginn kam mir die Sprache, mit der ich mich zu bescheiden hatte, regelrecht "verkrüppelt" vor, als hätte sie mit den E einige ihrer wichtigsten Glieder verloren. Dann, als ich mit ihren Ecken und Kanten immer besser zurechtkam, empfand ich sie im Grunde nicht mehr als "verkrüppelt", sondern nur noch als "behindert" - durch den Verlust ihrer Glieder zwar eindeutig eingeschränkt, aber trotzdem in der Lage (wie das ja auch von Behinderten gesagt wird), ein durchaus erfülltes Leben zu führen.
Schließlich aber fiel mir auf, dass der einzig angemessene Begriff für sie die in den USA als politisch korrekt geltende (oder als politisch korrekt persiflierte) Wendung differently abled war, denn eine solche Sprache vermochte zwar gewisse Dinge nicht zu tun, hatte sich aber gleichzeitig eine Reihe anderer erstaunlicher Fähigkeiten angeeignet, die jedem normalen, von E strotzenden Englisch verwehrt bleiben mussten.

Insgesamt reagiert der britische Literaturbetrieb auf formal experimentierende Romane gleichgültig, manchmal auch regelrecht feindselig: Einen traditionalistischen Kritiker mit der Rezension eines avantgardistischen Buchs zu betrauen, das wäre so, als betraute man einen Stier mit der Rezension eines roten Tuchs. Dabei kann sich die englische Sprache gleich ein paar der bedeutendsten Bücher dieser Art an ihre Fahnen heften: Tristram Shandy, Ulysses, die zwei Alice-Bücher von Lewis Carroll sowie Nabokovs Fahles Feuer. Aber auch einige der interessantesten Romane der modernen europäischen und amerikanischen Literatur gehören in diese Kategorie: Calvinos Das Schloss, darin sich Schicksale kreuzen (ein Roman in der Form eines Tarotspiels) und Wenn ein Reisender in einer Winternacht (ein Roman darüber, was es heißt, einen Roman zu lesen), Milorad Pavics Das Chasadische Wörterbuch und Landschaft in Tee gemalt (Romane in Form eines Wörterbuchs bzw. eines Kreuzworträtsels), Walter Abishs Alphabetical Africa (ein Roman in alphabetischer Reihenfolge), John Fowles' Die Geliebte des französischen Leutnants (ein Roman, der seinen kritischen Apparat gleich mitliefert), Martin Amis' Pfeil der Zeit (ein Roman in umgekehrter Chronologie) usw.
Und da mir also klar wurde, daß man ohne den Buchstaben E genauso gut (wenn auch anders) schreiben konnte wie mit ihm, nachdem mir auch klar wurde, dass die konventionelle, lineare, mit E angereicherte Literatur eben das ist: eine Konvention wie jede andere, auch wenn sie sich naturgemäß weit hartnäckiger hält als jede andere, vermag ich nicht länger einzusehen, weshalb die oben angeführten Titel dem Durchschnittsleser Angst einjagen sollten. Ein Roman in Form eines Kreuzworträtsels? Warum nicht? Hat denn nicht bereits Lewis Carroll einen noch heute beliebten Klassiker in Form einer Schachpartie verfasst?

Es ist ein bisschen wie beim Sex. Was sind Leser und Buch anderes als das Tier mit zwei Rücken? Die meisten von uns würden doch bestimmt zugeben, dass für sie sexuelle Experimente reizvoll - und in langjährigen Beziehungen schlicht unabdingbar - sind. Warum beharren wir dann immer noch darauf, dass sich unsere Schriftsteller auf die Missionarsstellung beschränken?

(1) Substantivisch bedeutet a void "eine Leere", während das Verb (to) avoid dem deutschen vermeiden/umgehen entspricht. (Anm. d. Ü.)

(2) Diese Überzeugung teilte er mit den anderen Mitgliedern von OuLiPo dem "Ouvroir de Littérature Potentielle" ("ouvroir" ist das französische Wort für Werkstatt), einer Gruppe von Schriftstellern, Theoretikern und Mathematikern, zu deren bekanntesten Vertretern neben Perec auch Queneau, Calvino, der in Paris lebende amerikanische Romancier Harry Mathews und der Dichter Jacques Roubaud zählten. OuLiPo führt bis heute regelmäßige Versammlungen durch.

(3) Es sollte jedoch festgehalten werden, dass Perec selbst eine solche Interpretation nie stützte. Die Übereinstimmung von "e" und "eux" dürfte also ausnahmsweise rein zufällig sein.

Aus: Wenn die Postmoderne zweimal klingelt. Variationen ohne Thema. Deutsche Erstauflage 2000. Zuerst erschienen in der Sammlung Surfing the Zeitgeist, 1997.