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Am 10. Oktober 1993
schrieb ich das letzte Wort einer literarischen Extravaganz, die mich
vier Jahre lang mehr oder weniger (über längere Zeitabschnitte weniger)
beschäftigt hatte: eine englische Übersetzung von Georges Perecs metaphysischem
Kriminalroman La Disparition. Eine
Zeitlang hatte ich, allerdings nicht sehr ernsthaft, mit der Idee gespielt,
meiner Übersetzung den Titel All About E zu geben, besteht doch
die Besonderheit von La Disparition darin, dass im ganzen Text
kein einziges E vorkommt, eine Auslassung, durch die, wie man sich leicht
denken kann, die Aufmerksamkeit des Lesers ungleich stärker auf jenen
Buchstaben gelenkt wird, als wenn er gleichmäßig über die dreihundert
Seiten gestreut worden wäre. Schließlich stieß ich jedoch auf A Void,
ein lockere Umschreibung von Perecs Originaltitel (dessen englische Entsprechung,
The Disappearence, aus naheliegenden Gründen nicht in Frage kam),
aber auch so etwas wie eine Absichtserklärung für das Buch.(1)
Perecs Roman ist nämlich ein sogenanntes Lipogramm, ein Text also, der
auf einen oder mehrere Buchstaben des Alphabets verzichtet. Und obwohl
es sich mitnichten um das erste derartige Experiment handelt, ist es doch
bestimmt das längste und ehrgeizigste. Wenn man mir, was in jenen vier
Jahren häufig vorkam, die Frage stellte, worin denn um Himmels willen
der Sinn einer solch hirnrissigen Übung bestehe, hatte ich zwei Antworten
auf Lager.
Erstens sei Perec
der festen Ansicht gewesen, die zeitgenössische Literatur werde durch
ihre eigene Freiheit eingeengt, durch das Fehlen all der Einschränkungen
und Hemmnisse (von den aristotelischen Einheiten bis zur Sonettform),
die in den vorangegangenen Jahrhunderten entscheidend zur plastischen
Gestaltung des persönlichen Ausdrucks eines Schriftstellers beigetragen
hätten. Und da solche formale Konventionen nicht mehr existierten, sei
es nun die Aufgabe des Schriftstellers, sich selbst welche zu erfinden.(2)
So veröffentlichte
er neben La Disparition auch eine
Gedichtsammlung mit dem Titel Alphabets, die sich mehr oder weniger
strikt den Prinzipien von Schönbergs Zwölftontechnik unterwarf, sowie
ein Palindrom, das fünftausend (ich wiederhole: fünftausend!) Wörter
umfasste. Zweitens gebe es - da sich die französische Aussprache des Buchstabens
E nicht von jener des Wortes "eux" (oder "sie") unterscheiden lasse und
der Jude Perec in Auschwitz seine Mutter verloren habe, deren Leid ihn
bis zu seinem Tod nicht mehr losließ - gute Gründe für die Annahme, dass
er "sie" allegorisch aus seinem Buch getilgt habe, nämlich die todgeweihten
Juden des Holocaust, als repräsentiere Hitlers Endlösung den monströsen
Versuch, einen Buchstaben des menschlichen Alphabets auszulöschen.(3)
Dies war also meine
öffentliche Reaktion auf das ungläubige, ja mitleidige Kopfschütteln,
dem ich in den vier Jahren begegnete, in denen ich mit dem Buch schwanger
ging. Als Übersetzer von La Disparition, als ein Mensch also, der
diesen Roman
besser kennt als irgend jemand auf der Welt (um so mehr, als es sich um
einen Text handelt, in dem es dem englischen Übersetzer auf einmalige
Weise verboten ist, auch nur eine Sekunde zu schlafen, auf dass ihm kein
the oder he oder they oder one oder auch eine regelmäßige Imperfektendung
oder -ed unterlaufe, und dies, obwohl Perec all die französischen Entsprechungen
zur Verfügung hatte), ist mir inzwischen ein weiterer Grund dafür eingefallen,
weshalb ich mich auf ein solches Abenteuer einließ. Denn wirklich erstaunlich
fand ich, nachdem ich einmal Tritt gefasst hatte, wie leicht man ohne
sie auskommt.
Gegen Ende seines
Lebens, als er nach und nach die Zähne, die Haare, das Augenlicht und
das Gedächtnis verlor, erklärte der Dichter Paul Claudel, wie überraschend
wenig er alle diese Dinge vermisse. Genau so ging es auch mir, allerdings
auf ganz anderer Ebene, mit dem E in Perecs Roman. Mit der Zeit, und je
weiter meine Übersetzung voranschritt, erwies sich nämlich das Englisch
von A Void, so steif und stilisiert es zwangsläufig war, als eine
Sprache wie jede andere, verfügte sie doch über ihre eigenen semantischen
Regeln und auch, wie ich fest glaube, über ihr eigenes Potential zur Schönheit.
Auf den letzten hundert Seiten ging mir jene Sprache dann so leicht von
der Hand, dass ich, wenn ich nach einem längeren Übersetzungsabschnitt
einen Zeitungsartikel abzufassen hatte, darin zweifellos weit weniger
E als sonst verwendete. Zudem ließ mich die allmähliche Gewöhnung an die
Schrullen und Spitzfindigkeiten eines e-losen Englisch mit Verspätung
eine Wortschöpfung der political correctness akzeptieren, die mir
bis dahin stets als törichte Entgleisung erschienen war. Zu Beginn kam
mir die Sprache, mit der ich mich zu bescheiden hatte, regelrecht "verkrüppelt"
vor, als hätte sie mit den E einige ihrer wichtigsten Glieder verloren.
Dann, als ich mit ihren Ecken und Kanten immer besser zurechtkam, empfand
ich sie im Grunde nicht mehr als "verkrüppelt", sondern nur noch als "behindert"
- durch den Verlust ihrer Glieder zwar eindeutig eingeschränkt, aber trotzdem
in der Lage (wie das ja auch von Behinderten gesagt wird), ein durchaus
erfülltes Leben zu führen.
Schließlich aber fiel mir auf, dass der einzig angemessene Begriff für
sie die in den USA als politisch korrekt geltende (oder als politisch
korrekt persiflierte) Wendung differently abled war, denn eine
solche Sprache vermochte zwar gewisse Dinge nicht zu tun, hatte sich aber
gleichzeitig eine Reihe anderer erstaunlicher Fähigkeiten angeeignet,
die jedem normalen, von E strotzenden Englisch verwehrt bleiben mussten.
Insgesamt reagiert
der britische Literaturbetrieb auf formal experimentierende Romane gleichgültig,
manchmal auch regelrecht feindselig: Einen traditionalistischen Kritiker
mit der Rezension eines avantgardistischen Buchs zu betrauen, das wäre
so, als betraute man einen Stier mit der Rezension eines roten Tuchs.
Dabei kann sich die englische Sprache gleich ein paar der bedeutendsten
Bücher dieser Art an ihre Fahnen heften: Tristram Shandy, Ulysses,
die zwei Alice-Bücher von Lewis Carroll sowie Nabokovs Fahles
Feuer. Aber auch einige der interessantesten Romane der modernen europäischen
und amerikanischen Literatur gehören in diese Kategorie: Calvinos Das
Schloss, darin sich Schicksale kreuzen (ein Roman in der Form eines
Tarotspiels) und Wenn ein Reisender in einer Winternacht (ein Roman
darüber, was es heißt, einen Roman zu lesen), Milorad Pavics Das Chasadische
Wörterbuch und Landschaft in Tee gemalt (Romane in Form eines
Wörterbuchs bzw. eines Kreuzworträtsels), Walter Abishs Alphabetical
Africa (ein Roman in alphabetischer Reihenfolge), John Fowles' Die
Geliebte des französischen Leutnants (ein Roman, der seinen kritischen
Apparat gleich mitliefert), Martin Amis' Pfeil der Zeit (ein Roman
in umgekehrter Chronologie) usw.
Und da mir
also klar wurde, daß man ohne den Buchstaben E genauso gut (wenn auch
anders) schreiben konnte wie mit ihm, nachdem mir auch klar wurde, dass
die konventionelle, lineare, mit E angereicherte Literatur eben das ist:
eine Konvention wie jede andere, auch wenn sie sich naturgemäß weit hartnäckiger
hält als jede andere, vermag ich nicht länger einzusehen, weshalb die
oben angeführten Titel dem Durchschnittsleser Angst einjagen sollten.
Ein Roman in Form eines Kreuzworträtsels? Warum nicht? Hat denn nicht
bereits Lewis Carroll einen noch heute beliebten Klassiker in Form einer
Schachpartie verfasst?
Es ist ein bisschen
wie beim Sex. Was sind Leser und Buch anderes als das Tier mit zwei Rücken?
Die meisten von uns würden doch bestimmt zugeben, dass für sie sexuelle
Experimente reizvoll - und in langjährigen Beziehungen schlicht unabdingbar
- sind. Warum beharren wir dann immer noch darauf, dass sich unsere Schriftsteller
auf die Missionarsstellung beschränken?
(1) Substantivisch bedeutet a void "eine Leere", während
das Verb (to) avoid dem deutschen vermeiden/umgehen entspricht. (Anm.
d. Ü.)
(2) Diese Überzeugung teilte er mit den anderen Mitgliedern
von OuLiPo dem "Ouvroir de Littérature Potentielle" ("ouvroir" ist das
französische Wort für Werkstatt), einer Gruppe von Schriftstellern, Theoretikern
und Mathematikern, zu deren bekanntesten Vertretern neben Perec auch Queneau,
Calvino, der in Paris lebende amerikanische Romancier Harry Mathews und
der Dichter Jacques Roubaud zählten. OuLiPo führt
bis heute regelmäßige Versammlungen durch.
(3) Es sollte jedoch festgehalten werden, dass Perec selbst
eine solche Interpretation nie stützte. Die Übereinstimmung von "e" und
"eux" dürfte also ausnahmsweise rein zufällig sein.
Aus: Wenn die Postmoderne zweimal klingelt. Variationen
ohne Thema. Deutsche Erstauflage 2000. Zuerst erschienen in der Sammlung
Surfing the Zeitgeist, 1997.


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