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Gilbert Adair: Stil (1997)

 

Was ist das Hauptmerkmal der populären Literatur oder zumindest jener saisonabhängigen Unterkategorie der populären Literatur, die gemeinhin unter dem schwammigen Oberbegriff "Ferienlektüre" firmiert? Stil natürlich.

Sei es ein Roman von Danielle Steel oder Jeffrey Archer, sei es einer dieser erprobten Schmachtfetzen oder auch ein grobschlächtiger Thriller über die Neue Weltordnung, stets wird der Leserschaft ein Figurenkabinett geboten, das sich stilvoll kleidet, stilvoll reist und sich, je nach Genre, stilvoll liebt oder bekriegt.

Der hier angesprochene Stil ist selbstverständlich gleichbedeutend mit Wohlstand (kein Mensch möchte im Urlaub etwas über arme Leute lesen) und basiert auf dem, was Kulturbanausen kultiviert nennen. Vorbilder dafür lassen sich (über Ian Flemings James-Bond-Romane) bis zu den nahezu unlesbar gewordenen Liebesromanen von Michael Arlen, Ouida und E. Philips Oppenheim zurückverfolgen, für die Stil vor allem eine Frage von Accessoires, Brandyschwenkern und Havannas war, von makellosen Smokings und durchscheinenden Abendkleidern, Jagdhütten in Tirol und sogenannten "kolossalen" Salons in der Hauptstadt, wo sich Mitglieder des Kabinetts den Hintern am Kaminfeuer wärmten. Zwar mögen sich im Werk ihrer zeitgenössischen Wiedergänger die Accessoires verändert haben, doch die Schauplätze sind immer noch die loci classici des gehobenen Lebensstils: Villen in Bel Air, Penthouses in Manhattan, Landhäuser in der Toskana und weiße Hochzeitstortenhotels an der Riviera. Der Stil ist alles, und da fällt es offensichtlich gar nicht auf, dass die einzige Person, der er abgeht, der Autor ist.

Aber schließlich stand Stil als unauslöschliche Gegenwart, als absolute sprachliche Einzigartigkeit - Stil in dem uns von Flaubert vererbten Sinne, dem ersten Schriftsteller, der öffentlich zugab, dass für ihn das Verfassen von Literatur eine Qual sei - noch nie sehr hoch im Kurs bei den Lesern von Ferienlektüre, die am Strand zwar in stilvollster Bademode umherspazieren, sich aber, was die eigene Lektüre angeht, mit schlichtester Konfektionsware zufriedengeben. In Sachen Literatur reist jenes Publikum, dem sonst im Leben nur "was Beste" gut genug ist, klaglos auf dem Zwischendeck.(1)

Und heutzutage beschränkt sich diese Haltung auch keineswegs auf die Ferienlektüre. In Großbritannien werden zahlreiche und manchmal durchaus gelungene literarische Werke verlegt, doch höchst selten bescheinigen breitere Kreise einem modernen Roman, dass sein Stil das untrüglichste Zeichen seiner Qualität sei. Und kommt es doch einmal soweit, dass ein Kritiker, wie Kritiker das eben tun, behauptet, der Autor schreibe "wahrhaft göttlich", und zitiert zur Stützung seiner These ein, zwei Sätze, so steht im Mittelpunkt des Zitats unweigerlich ein hübsche, pfiffige Metapher, die uns sogleich argwöhnen lässt, dass sie aus der ansonsten teigigen Masse der Romanprosa wie eine schimmernde Münze aus einem Weihnachtspudding gespickt worden ist.
Hingegen wird alles, was umfassender, umspannender ist, in den meisten Fällen als "maniriert" oder "selbstverliebt" abqualifiziert, als bildete echter Stil nichts als einen hauchdünnen Schleier, der die ärgerliche Tendenz hat, das Wesentlich, nämlich die Handlung, zu verhüllen.

Ich habe mir schon oft Gedanken darüber gemacht, wie ein vollkommen kompromissloser literarischer Stil dem Durchschnittsleser schmackhaft gemacht werden könnte.
Stellen wir uns einmal vor, man lese den Roman eines Autors, der in einem anspruchsvollen, aber augenblicklich erkennbaren Stil schreibt, eines Autors vom Range Prousts oder Henry James'. Pflichtschuldig ackert man sich durch die ersten fünfzig Seiten, bis einen auf der einundfünfzigsten eine Randbemerkung des Autors jäh aufmerken lässt: Meinen Glückwunsch, lieber Leser, dass Du bis hierhin durchgehalten hast. Doch da Du jetzt weißt, daß ich es kann, und da auch ich weiß, dass ich es kann, wollen wir die blöde Stilfrage mal etwas beiseite lassen und mit der Handlung voranmachen. Und nun stellt man fest, dass die restlichen zweihundert Romanseiten in einer zugänglichen und unauffällig neutralen Sprache gehalten sind.

Mein kleines Gedankenspiel kennt aber auch noch eine seitenverkehrte Version. Diesmal sind die ersten fünfzig Romanseiten in besagter neutraler Sprache abgefasst. Und die Randbemerkung des Autors, die der Leser entdeckt, klingt diesmal wie folgt: Gib es zu, lieber Leser, Du hast angebissen und möchtest nun unbedingt mehr über meine Figuren und die Notlage erfahren, in die sie sich hineinmanövriert haben. Deshalb ist dies für mich der ideale Augenblick, um meinen Stil voll aufzudrehen. Und selbstverständlich würden die folgenden zweihundert Seiten die ganze sprachliche Konzentration zum Ausdruck bringen, die man normalerweise mit dem betreffenden Autor in Verbindung bringt. Doch um auf die Frage der Ferienlektüre zurückzukommen: Dass ich für Schriftsteller nichts übrig habe, die ihr stilistisches Unvermögen mit dem Vorwand rechtfertigen, sie seien "bloß Geschichtenerzähler" (ein todsicheres Indiz für literarische Nichtigkeit), liegt nicht so sehr an eine puritanischen Abneigung gegen den schicken Lebensstil, den ihre Bücher abbilden (wie war das noch gleich mit Proust?), sondern daran, dass ich sie platterdings unlesbar finde.

Ein schlecht geschriebener Roman ist wie ein schlecht gemaltes Bild, nicht mehr und nicht weniger. Er ist wie eine Komposition voller hässlicher falscher Töne. Er ist ein Roman, der geschrieben, aber nicht umgeschrieben wurde. Dabei wusste schon Flaubert, dass das Schreiben ein Buch zwar möglich, aber nur das Umschreiben es gut macht. Und Stil lässt sich auch nie auf das reduzieren, was die Franzosen effet de signature nennen - so wie beispielsweise in Ian McEwans Roman Die Unschuldigen ein berühmt-berüchtigtes Kapitel, in dem sich zwei Figuren gezwungen sehen, eine dritte zu zerstückeln, ein effet de signature war, der den Leser, dem das sonst vielleicht entfallen wäre, in erster Linie daran erinnern sollte, dass er es tatsächlich mit einem Roman von Ian McEwan zu tun hatte.

Angesichts eines so eingeschränkten Stilbegriffs fällt mir immer der verstorbene Regisseur Albert Lamorisse ein, der Filme wie Der rote Ballon, Die Reise im Ballon und so weiter drehte. Lamorisse' "Handschrift" war wahrlich unverkennbar: In jedem seiner Filme gab es einen Ballon. Und für mehr als einen Kritiker war dieser Ballon schon Beweis genug für einen typischen Lamorisseschen "Stil".

Nein, Stil ist weit mehr als das, weit mehr als das bloße "Stilvolle", das "gut Geschriebene". Er ist ein mysteriöses, metaphorisches und metamorphes Einfließen eines Ich in einen Text, und die Folgen können sowohl für den Autor wie für den Leser beinahe erotisch sein. Letztlich hat die Schönheit eines literarischen Stils für den Akt des Lesens die gleiche Bedeutung wie die Schönheit eines Gesichts für den Liebesakt. Obschon die Aufmerksamkeit in beiden Fällen mit wachsender Dringlichkeit anderswo beansprucht wird - vom Körper des Partners oder auch von der Handlung des Romans - , hängt der Reiz jenes "Anderswo" doch immer noch von der Schönheit des Gesichts oder des Stils ab, die einen ursprünglich angezogen hat.

(1) Auf dem Flughafen von Mahé (Seychellen) plauderte ich einmal mit einem wohlhabenden amerikanischen Geschäftsmann, der mir erzählte, er lese zwar nur sehr wenig, "doch wenn ich ein Buch lese, muss es das allerbeste sein." Und als wollte er seine Behauptung untermauern, zückte er prompt den neuesten Roman von Stephen King.

Aus: Wenn die Postmoderne zweimal klingelt. Variationen ohne Thema. Deutsche Erstauflage 2000. Zuerst erschienen in der Sammlung Surfing the Zeitgeist, 1997.