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Was
ist das Hauptmerkmal der populären Literatur oder zumindest jener saisonabhängigen
Unterkategorie der populären Literatur, die gemeinhin unter dem schwammigen
Oberbegriff "Ferienlektüre" firmiert? Stil natürlich.
Sei
es ein Roman von Danielle Steel oder Jeffrey Archer, sei es einer dieser
erprobten Schmachtfetzen oder auch ein grobschlächtiger Thriller über
die Neue Weltordnung, stets wird der Leserschaft ein Figurenkabinett geboten,
das sich stilvoll kleidet, stilvoll reist und sich, je nach Genre, stilvoll
liebt oder bekriegt.
Der
hier angesprochene Stil ist selbstverständlich gleichbedeutend mit Wohlstand
(kein Mensch möchte im Urlaub etwas über arme Leute lesen) und basiert
auf dem, was Kulturbanausen kultiviert nennen. Vorbilder
dafür lassen sich (über Ian Flemings James-Bond-Romane) bis zu den nahezu
unlesbar gewordenen Liebesromanen von Michael Arlen, Ouida und E. Philips
Oppenheim zurückverfolgen, für die Stil vor allem eine Frage von Accessoires,
Brandyschwenkern und Havannas war, von makellosen Smokings und durchscheinenden
Abendkleidern, Jagdhütten in Tirol und sogenannten "kolossalen" Salons
in der Hauptstadt, wo sich Mitglieder des Kabinetts den Hintern am Kaminfeuer
wärmten. Zwar mögen sich im Werk ihrer zeitgenössischen Wiedergänger die
Accessoires verändert haben, doch die Schauplätze sind immer noch die
loci classici des gehobenen Lebensstils: Villen in Bel Air, Penthouses
in Manhattan, Landhäuser in der Toskana und weiße Hochzeitstortenhotels
an der Riviera. Der Stil ist alles, und da fällt es offensichtlich gar
nicht auf, dass die einzige Person, der er abgeht, der Autor ist.
Aber
schließlich stand Stil als unauslöschliche Gegenwart, als absolute sprachliche
Einzigartigkeit - Stil in dem uns von Flaubert vererbten Sinne, dem ersten
Schriftsteller, der öffentlich zugab, dass für ihn das Verfassen von Literatur
eine Qual sei - noch nie sehr hoch im Kurs bei den Lesern von Ferienlektüre,
die am Strand zwar in stilvollster Bademode umherspazieren, sich aber,
was die eigene Lektüre angeht, mit schlichtester Konfektionsware zufriedengeben.
In
Sachen Literatur reist jenes Publikum, dem sonst im Leben nur "was Beste"
gut genug ist, klaglos auf dem Zwischendeck.(1)
Und
heutzutage beschränkt sich diese Haltung auch keineswegs auf die Ferienlektüre.
In Großbritannien werden zahlreiche und manchmal durchaus gelungene literarische
Werke verlegt, doch höchst selten bescheinigen breitere Kreise einem modernen
Roman, dass sein Stil das untrüglichste Zeichen seiner Qualität sei. Und
kommt es doch einmal soweit, dass ein Kritiker, wie Kritiker das eben
tun, behauptet, der Autor schreibe "wahrhaft göttlich", und zitiert zur
Stützung seiner These ein, zwei Sätze, so steht im Mittelpunkt des Zitats
unweigerlich ein hübsche, pfiffige Metapher, die uns sogleich argwöhnen
lässt, dass sie aus der ansonsten teigigen Masse der Romanprosa wie eine
schimmernde Münze aus einem Weihnachtspudding gespickt worden ist.
Hingegen
wird alles, was umfassender, umspannender ist, in den meisten Fällen als
"maniriert" oder "selbstverliebt" abqualifiziert, als bildete echter Stil
nichts als einen hauchdünnen Schleier, der die ärgerliche Tendenz hat,
das Wesentlich, nämlich die Handlung, zu verhüllen.
Ich
habe mir schon oft Gedanken darüber gemacht, wie ein vollkommen kompromissloser
literarischer Stil dem Durchschnittsleser schmackhaft gemacht werden könnte.
Stellen
wir uns einmal vor, man lese den Roman eines Autors, der in einem anspruchsvollen,
aber augenblicklich erkennbaren Stil schreibt, eines Autors vom Range
Prousts oder Henry James'. Pflichtschuldig ackert man sich durch die ersten
fünfzig Seiten, bis einen auf der einundfünfzigsten eine Randbemerkung
des Autors jäh aufmerken lässt: Meinen Glückwunsch, lieber Leser, dass
Du bis hierhin durchgehalten hast. Doch da Du jetzt weißt, daß ich es
kann, und da auch ich weiß, dass ich es kann, wollen wir die blöde Stilfrage
mal etwas beiseite lassen und mit der Handlung voranmachen. Und nun
stellt man fest, dass die restlichen zweihundert Romanseiten in einer
zugänglichen und unauffällig neutralen Sprache gehalten sind.
Mein
kleines Gedankenspiel kennt aber auch noch eine seitenverkehrte Version.
Diesmal sind die ersten fünfzig Romanseiten in besagter neutraler Sprache
abgefasst. Und die Randbemerkung des Autors, die der Leser entdeckt, klingt
diesmal wie folgt: Gib es zu, lieber Leser, Du hast angebissen und
möchtest nun unbedingt mehr über meine Figuren und die Notlage erfahren,
in die sie sich hineinmanövriert haben. Deshalb ist dies für mich der
ideale Augenblick, um meinen Stil voll aufzudrehen. Und selbstverständlich
würden die folgenden zweihundert Seiten die ganze sprachliche Konzentration
zum Ausdruck bringen, die man normalerweise mit dem betreffenden Autor
in Verbindung bringt. Doch um auf die Frage der Ferienlektüre zurückzukommen:
Dass ich für Schriftsteller nichts übrig habe, die ihr stilistisches Unvermögen
mit dem Vorwand rechtfertigen, sie seien "bloß Geschichtenerzähler" (ein
todsicheres Indiz für literarische Nichtigkeit), liegt nicht so sehr an
eine puritanischen Abneigung gegen den schicken Lebensstil, den ihre Bücher
abbilden (wie war das noch gleich mit Proust?), sondern daran, dass ich
sie platterdings unlesbar finde.
Ein
schlecht geschriebener Roman ist wie ein schlecht gemaltes Bild, nicht
mehr und nicht weniger. Er ist wie eine Komposition voller hässlicher
falscher Töne. Er ist ein Roman, der geschrieben, aber nicht umgeschrieben
wurde. Dabei wusste schon Flaubert, dass das Schreiben ein Buch zwar möglich,
aber nur das Umschreiben es gut macht. Und Stil lässt sich auch nie auf
das reduzieren, was die Franzosen effet de signature nennen - so
wie beispielsweise in Ian McEwans Roman Die Unschuldigen ein berühmt-berüchtigtes
Kapitel, in dem sich zwei Figuren gezwungen sehen, eine dritte zu zerstückeln,
ein effet de signature war, der den Leser, dem das sonst vielleicht
entfallen wäre, in erster Linie daran erinnern sollte, dass er es tatsächlich
mit einem Roman von Ian McEwan zu tun hatte.
Angesichts
eines so eingeschränkten Stilbegriffs fällt mir immer der verstorbene
Regisseur Albert Lamorisse ein, der Filme wie Der rote Ballon,
Die Reise im Ballon und so weiter drehte. Lamorisse' "Handschrift"
war wahrlich unverkennbar: In jedem seiner Filme gab es einen Ballon.
Und für mehr als einen Kritiker war dieser Ballon schon Beweis genug für
einen typischen Lamorisseschen "Stil".
Nein,
Stil ist weit mehr als das, weit mehr als das bloße "Stilvolle", das "gut
Geschriebene". Er ist ein mysteriöses, metaphorisches und metamorphes
Einfließen eines Ich in einen Text, und die Folgen können sowohl für den
Autor wie für den Leser beinahe erotisch sein. Letztlich hat die Schönheit
eines literarischen Stils für den Akt des Lesens die gleiche Bedeutung
wie die Schönheit eines Gesichts für den Liebesakt. Obschon die Aufmerksamkeit
in beiden Fällen mit wachsender Dringlichkeit anderswo beansprucht wird
- vom Körper des Partners oder auch von der Handlung des Romans - , hängt
der Reiz jenes "Anderswo" doch immer noch von der Schönheit des Gesichts
oder des Stils ab, die einen ursprünglich angezogen hat.
(1)
Auf dem Flughafen von Mahé (Seychellen) plauderte ich einmal mit einem
wohlhabenden amerikanischen Geschäftsmann, der mir erzählte, er lese zwar
nur sehr wenig, "doch wenn ich ein Buch lese, muss es das allerbeste sein."
Und als wollte er seine Behauptung untermauern, zückte er prompt den neuesten
Roman von Stephen King.
Aus: Wenn die Postmoderne zweimal klingelt. Variationen
ohne Thema. Deutsche Erstauflage 2000. Zuerst erschienen in der Sammlung
Surfing the Zeitgeist, 1997.


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