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Chamfort: Maximen

 


Dreiviertel aller Narrheiten sind bloß Dummheiten.

Die Meinung ist die Königin der Welt, weil die Dummheit die Königin der Schwachköpfe ist.

Von niemandem abhängen, der Mann seines Herzens, seiner Grundsätze, seiner Gefühle sein: nichts habe ich seltener gesehen.

Leute, die sich in allem nach der öffentlichen Meinung richten, gleichen den Schauspielern, die dem Beifall des schlechten Publikums zuliebe schlecht spielen. Manche könnten schon besser spielen, wenn der Geschmack des Publikums besser wäre. Der Anständige spielt seine Rolle so gut er kann, ohne an die Galerie zu denken.

Dem Mut gesellt sich eine Art Vergnügen, über dem Schicksal zu stehen. Geld verachten heißt, einen König zu entthronen. Es hat seinen Reiz.

Überzeugung ist das Gewissen des Geistes.

Der reichste aller Menschen ist der Sparsame, der Geizhals der Ärmste.

In einem Land, in dem alle Leute nur scheinen wollen, müssen viele glauben und glauben auch wirklich, es sei besser Bankrotteur zu sein als gar nichts.

Niemand hat mehr Feinde in der Welt als ein aufrechter, stolzer, gefühlvoller Mann, der Personen und Dinge nimmt, wie sie sind und nicht, wie sie sein wollen.

Der Weltmann, der Freund des Glücks, der Liebhaber des Ruhms - sie zeichnen sich eine gerade Linie vor, die ins Ungewisse führt. Der Weise, der Freund seiner selbst, wählt die Kreislinie, die schließlich zu ihm zurückkehrt.

Einen Menschen, den man nicht sehr gut kennt, kennt man gar nicht, aber wenige Menschen verdienen, dass man sie studiert. Daher kommt es, dass der Mann von wahrem Verdienst im Allgemeinen keine Eile hat, bekannt zu werden. Er weiß, dass nur wenig imstande sind, ihn zu würdigen, und selbst unter diesen wenigen ist jeder durch Beziehungen, Interessen, Eigenliebe verhindert, das Verdienst so zu schätzen, wie es ihm gebührt. Mit den üblichen phrasenhaften Lobsprüchen, die man ihm entgegenbringt, kann das Verdienst nichts anfangen.

Fast alle Menschen sind Sklaven aus demselben Grund, den die Spartaner für die Sklaverei der Perser angaben: dass sie nicht nein sagen konnten. Dies Wort auszusprechen wissen und allein leben können - das sind die einzigen Mittel, Freiheit und Charakter zu bewahren.

Durch die Armut werden Verbrechen im Preis herabgesetzt.

Meine frühesten Schmerzen wurden mir zum Panzer gegen die folgenden.

Will das Glück sich mit mir einlassen, so muss es die Bedingungen annehmen, die mein Charakter ihm stellt.

Was ich gelernt habe, weiß ich nicht mehr. Das wenige, was ich weiß, habe ich erraten.

Dummheit wäre nicht ganz Dummheit, wenn sie nicht den Geist fürchtete. Das Laster wäre nicht ganz Laster, wenn es nicht die Tugend hasste.

Manche Dinge lassen sich leichter legalisieren als legitimieren.

Ein Verliebter ist ein Mann, der liebenswerter sein will, als er ist: darum sind alle Verliebten lächerlich.

Eine geistreiche Frau sagte mir ein Wort, das das Geheimnis ihres Geschlechts sein könnte: dass nämlich jede Frau, die einen Liebhaber nimmt, mehr darüber nachdenkt, wie andre Frauen diesen Menschen sehen, als wie er ihr selbst erscheint.

Frau von *** ist ihrem Liebhaber nach England nachgefahren, um zärtliche Gefühle für ihn an den Tag zu legen, die ihr ganz fern lagen. Heutzutage geschehen die Skandale aus Furcht vor dem Gerede der Leute.

Liebe macht mehr Vergnügen als die Ehe, Romane sind auch unterhaltender als die Geschichte.

Jemand sagte, die Alten bestehlen, heiße außerhalb der Dreimeilenzone rauben, die Modernen plündern, sei Taschendiebstahl an Straßenecken.

Der Erfolg vieler Werke erklärt sich aus der Beziehung, die zwischen der Mittelmäßigkeit der Ideen des Autors und der Mittelmäßigkeit der Ideen des Publikums besteht.

Die meisten Bücher von heute scheinen in einem Tag aus der Lektüre von gestern entstanden zu sein.

Die Schmeichler der Fürsten haben gesagt, dass die Jagd ein Abbild des Krieges sei, und in der Tat, die Bauern, deren Felder verwüstet werden, müssen finden, dass sie ihn recht gut wiedergibt.

Ein Mann machte sich an eine Frau heran, ohne ganz bereit zu sein, und fragt sie: "Madame, würde es ihnen etwas ausmachen, noch eine Viertelstunde tugendhaft zu bleiben?"

Herr ***, ein alter Junggeselle, sagte witzig, dass die Ehe ein zu vollkommener Zustand sei für die Unvollkommenheit des Menschen.

Definition einer despotischen Regierung: ein Zustand, in dem der Vorgesetzte niedrig und der Untergebene erniedrigt ist.

 

Zitiert nach: Nicolas Chamfort: Ein Wald voller Diebe. Maximen, Charaktere, Anekdoten. Übersetzt von Fritz Schalk. Nördlingen 1987.