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Wie
man weiß, ist das Übersetzen von Literatur eine schwierige und leider
oftmals erbärmlich bezahlte Tätigkeit, was jedoch einen gewissen Typ von
Übersetzer nicht davon abhält, jene Sorte wahnwitziger Aufträge zu
akzeptieren, die selbst hartgesottene Kollegen erbleichen lassen.
Ein
in dieser Hinsicht besonders selbstzerstörerischer Übersetzer war Sebastian
Kromschmidt, der sich dem Werk des argentinischen Romanciers Fernando
Rivas gewidmet hatte. Dessen umfangreicher Roman Abend einer Gartenlampe
gehörte lange Zeit zu den offenen Geheimnissen des südamerikanischen Magischen
Realismus, war jedoch zu jener Zeit, als der südamerikanische Magische
Realismus weltweit erfolgreich war, aus unerfindlichen Gründen übersehen
worden.
Eines
Tages erhielt Kromschmidt, nachdem er jahrelang bei Verlagen für dieses
Buch geworben hatte, den Auftrag, die Gartenlampe vom Spanischen
ins Deutsche zu übertragen, und sogleich erkannte er in diesem Auftrag
jenen gewaltigen Felsbrocken, der ihn an den Grund eines unendlichen Meeres
bannen würde.
Je
tiefer Kromschmidt in die Geheimnisse der Gartenlampe eindrang,
desto unüberwindlicher erschienen ihm die übersetzerischen Schwierigkeiten.
Die
Geheimnisse der Gartenlampe
Die
Handlung dieses Romans spielt gleichzeitig im Buenos Aires des Jahres
1930, im Mittelalter und im Jahr 2055. Der Held, Lucius Ganghofer, Spross
einer eingewanderten deutschen Familie, spricht den Slang gewisser Vorstädte
von Buenos Aires, versetzt mit altem bayerischem Dialekt. Weit ausgreifend,
behandelt der Roman umfangreiches Wissen der Zeit um 1930, vor allem aus
der theoretischen Physik, der Philosophie, der Theologie und der Soziologie.
Ein besonderer Witz des Textes besteht darin, dass Ganghofer zwar hochintelligent
ist, viele Gegenstände aber nur halb versteht, wobei sich der Roman an
diesen Passagen in komplizierten Wortspielen gefällt.
Beispielsweise ist Ganghofer ein glühender Verehrer Friedrich Nietzsches,
und so macht sich der Roman einen Spaß daraus zu zeigen, wie der Held
diesen Philosophen unablässig missversteht, weil er ihn in einer
schlechten französischen Übersetzung liest.
Man
sieht, der Übersetzer muss hier drei sprachliche Schichten berücksichtigen:
die komplexe Sprache des Protagonisten, die französischen Verfälschungen
und schließlich den originalen Nietzsche, der trotz allem durch die anderen
Sprachschichten hindurch sichtbar gemacht werden muss.
Mit
derartigen Problemen hatte Kromschmidt auf jeder Seite des Romans zu kämpfen,
mal ging es um Philosophie, mal um Insektenkunde, ausgestorbene Kartenspiele,
um gewisse Tätowierungen, an denen sich die Mitglieder krimineller Banden
erkannten oder um Neologismen, die unter den Kindern der Oberschicht verbreitet
waren.
Nach
fünf Jahren war Kromschmidt stolzer Übersetzer von zweihundert Seiten,
einem Viertel des Romans. Zu diesem Zeitpunkt lebte Fernando Rivas noch,
in Buenos Aires, er war über neunzig Jahre alt, blind, und er besaß kein
Telefon. Kromschmidt musste mit ihm brieflich und über dessen Haushälterin
kommunizieren, eine zuvorkommende Südkoreanerin, die wenig Spanisch sprach
und selbstverständlich weder Deutsch noch Englisch. Rivas zeigte sich
durchaus bereit, die unzähligen Fragen zu beantworten, die das Verständnis
seines Romans betrafen, jedoch stellte sich rasch heraus, dass er dessen
Inhalt nur noch in groben Zügen wusste und dass ihn mit dem dreißigjährigen
Schriftsteller, das ihn verfasst hatte, nicht mehr verband als ein gewisser
feuriger Starrsinn.
Nachdem
Kromschmidt mehr als zwei Drittel des Buches übersetzt hatte, verfestigte
sich der Eindruck, dass er den Text bisher zu oberflächlich gelesen hatte.
Tatsächlich nahm der Roman auf gewisse musikalische Formen Bezug, die
weitaus wichtiger waren als die Sprachparodien, die ihm so große Mühe
gemacht hatten, ja auf fast allen Seiten enthielt der Roman Verweise auf
Musik, wie hatte er das übersehen können!
Als
Kromschmidt diese Dinge erkannt hatte, machte er eine Überschlagsrechnung
seiner bisherigen Arbeit. Der geduldige Verlag zahlte ihm 20 Euro pro
Seite, das war eine vergleichsweise ordentliche Vergütung. 16.300 Euro
würde er insgesamt an der Übersetzung verdienen. Falls er an jenem Tag
fertig geworden wäre (was nicht der Fall war), hätte er 170 Euro im Monat
verdient.
Gegenüber
seiner Frau, von deren Gehalt er lebte, und die ihn behutsam auf gewisse
Missverhältnisse in seiner Tätigkeit hinwies, bemerkte er, in Abwandlung
eines bekannten Satzes aus der Seefahrt: "Übersetzen ist notwendig, leben
ist nicht notwendig". Ungeachtet dieser alle Ökonomie verachtenden Stellungnahme
brach Kromschmidt seine Arbeit nach einem weiteren Jahr ab, denn er war
zu einer überraschenden Einsicht gekommen: Die Qualität von Rivas
Roman war mäßig als alle dachten, was nur ein detailbesessener
Übersetzer erkennen konnte, denn kein anderer war in der Lage, so tief
in die Geheimnisse des Textes (die in diesem Fall keine waren) einzudringen.
Die bisherige Übersetzungsaktion, gestand Kromschmidt wenig später
einem Journalisten, sei ein einziges Missverständnis. Doch er stehe zu
seinem Scheitern, das nur ein vorläufiges sei, denn hinter ihm wüsste
er eine ganze Reihe jüngerer Kollegen, die darauf brannten, sein Werk
fortzusetzen.


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