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Albrecht Fabri: Aphorismen und weitere kurze Auszüge aus seinen Schriften

 

Auch heute noch treibt Magie, wer ein Bild malt.

Was wir Wirklichkeit nennen, ist uns nicht gegeben, sondern aufgegeben.

Ein Ding, das einen Sinn hat, wird früher oder später durch diesen Sinn ersetzt. Ihr Sinn ist einem gewissen Sinn allemal die Widerlegung einer Sache. Den Satz, den man verstanden hat, pflegt man zu vergessen. Nur die Wortfolge, die sich nicht oder doch nicht restlos in einen Sinn auflösen lässt, bleibt einem im Kopfe. - Ein Gesetz, von dem … alle Dichtung lebt.

Nur das Haus, das in einem fort verfällt, steht.

Ein Kritiker ist primär Schriftsteller. Zumindest sollte er's sein: eine Kritik, die nicht ein gutes, und das heißt widerständiges Stück Prosa ist, ist keine. Ein Kritiker taugt, wenn er als Schriftsteller taugt; und falls es überhaupt so etwas wie ein Rechthaben gibt für ihn, hat er beiläufig und als Schriftsteller recht.

Der einzige Weg für eine Kritik, in bezug auf ihren Gegenstand recht zu haben, ist der, in sich selbst recht zu haben. Ein Porträt ist in erster Linie nicht ähnlich oder unähnlich, sondern ein Bild. Analog ist die Kritik in erster Linie ein Stück guter oder schlechter Prosa. Eine Literatur über die Literatur, hat Thibaudet sie genannt. Darin ist einmal enthalten, dass eine Kritik, die zählen soll, es ihrerseits zum Kunstwerk bringen muss; weiter, dass die Kritik der Kritik nicht von ihrem Gegenstand her, sondern aus und an ihre selbst zu erfolgen hat.

Die Emsigkeit, mit der wir konservieren und restaurieren, ist eine Form des Unglaubens.

Was gestern "Der Herr ist mein Hirte" hieß, heißt heute notwendigerweise bis zum Nichtwiedererkennen anders.

Das Schlimmste, was sich sagen lässt von einem Buch, ist das, es gebe ein paar schöne Stellen darin.

Literaturwissenschaft ist der Versuch, Literatur in Literatur zu übersetzen.

"Ein Wort gab das andere": die Ars poetica in nuce.

Der Unterschied zwischen wahr und richtig ist nicht weniger groß als der zwischen richtig und falsch.

Am liebsten hätte er selbst in seinem Papierkorb noch Ordnung gehabt.

Das Wesen der Welt ist Antwort, man könnte auch sagen: Stil. Auf Drähte gibt sie anders raus als auf Gesänge.

Schon schade, dass die Kirche den Index Librorum Prohibitorum abgeschafft hat. War doch ein guter Literaturführer!

Es gibt nicht nur die Flucht aus, es gibt auch die Flucht in die Realität.

Da man nur aus Unordnung Ordnung machen kann, stürbe ein Geist, der nicht auch einen Wirrkopf beherbergte, schon bald an Auszehrung.

Se débrocher, aus dem Leim gehen; was das Buch tut, das nur dank dem Buchbinder eins ist.

Am empfindlichsten dissonieren die am nächsten benachbarten Töne.

Aller Anfang ist leicht. Schwer hat's erst der Meister.

Ein Wort ist etwas, und ein Wort bedeutet etwas. Des Dichters, Hochzeit zu stiften zwischen diesen beiden Tätigkeiten des Wortes.

Der Künstler ist allenfalls die Hälfte des Künstlers; erst der Künstler, über dessen Schulter ein Kritiker sieht, ist der ganze.

Nur das Unvollkommene bedarf eines Autors.

Es gibt überhaupt nur moderne Kunst. Soweit Kunst früherer Zeit Aktualität hat, ist sie von vorweggenommenen Kubisten oder Abstrakten.

Wer nur etwas von alter Kunst versteht, versteht auch von alter Kunst nichts.

Der alte Meister an der Wand des Bürgers hat die gleiche Funktion wie das Eisbärfell vor seinem Sofa: Gefahr, die nicht mehr beisst.

Realität ist das Resultat eines Aktes, der, indem er das Ich mit der Sache, das Ich mit sich selbst in Übereinstimmung bringt. Eine Übereinstimmung übrigens derselben Art wie jene, die wir als Wahrheit bezeichnen.

Man sieht ein Ding, wenn es aufhört, sich zu verändern. Es hört aber nicht auf, sich zu verändern, solange man es sieht. Es sehen und es anders sehen, das heißt es nicht wiederfinden, sind dasselbe. Man hat es also eigentlich nie gesehen; es zu sehen, steht immer erst bevor bzw. noch aus. Was mit anderen Worten besagt, dass eben seine Gegenwart reines Futur ist: Wirklichkeit nicht das Gegebene, sondern die Utopie par excellence.

Inhalt der Kunst - alle Zeiten hindurch - ist die Einfachheit, das heißt die Befreiung vom Inhalt.

Alles Warten ist Warten auf Verwandlung.

 

Zitiert nach: Albrecht Fabri: Der schmutzige Daumen. Gesammelte Schriften. Frankfurt a. M. 2000