Homepage von Jürgen Kiel    

Albrecht Fabri: Noch einmal über Kritik (1963)

 

 

Genauso, wie jedes Kunstwerk, sei es auch noch so nebulos und implizit, eine Theorie enthält, enthält jede Kritik eine Ästhetik. Diese Ästhetik wird umso platter sein, je unreflektierter sie ist, und umso unreflektierter, je vermeintlich voraussetzungsloser der Kritiker verfährt. In der Mehrzahl der Fälle begegnet man denn auch als seiner Voraussetzung einem ärgerlichen Ladenhüter: der Ästhetik vom dualistischen oder Einwickel- oder Verpackungstypus, nach der man zuerst einen Gedanken hat, dann nach Mitteln sucht, ihn auszudrücken.

Mir ist nicht ganz klar, wieso einer, der einen Gedanken hat, sich nicht damit begnügt, und ihn auch noch ausdrücken will: es fügt dem Gedanken doch nichts hinzu! Mir ebenso wenig klar, wieso wenn es Wirklichkeit fraglos schon gibt, diese auch noch dargestellt werden soll. Wenn Kunst nur reproduzierte, was es schon gibt, wäre sie das Unnützeste von der Welt. Sie tut das glücklicherweise auch nicht; das heißt, sie tut es nur in der gerade beschriebenen Inhalt-Form- bzw. Gegenstand-Abbild-Ästhetik.

Zugegeben, dass diese Ästhetik bequem ist schon deshalb, weil ihre Gemeinplätze einleuchten und dem entsprechend das Denken ersparen. Weiter zugegeben, dass sie bereits von unserer Sprachlogik nahegelegt wird, die eigensinnig darauf besteht, die Welt als in Subjekt und Objekt, Innen und Außen, Idee und Erscheinung zerfallend darzustellen. Immerhin, diese die Welt antinomisch konstruierende Logik ist nur eine unter anderen und auf das Kunstwerk schon darum nicht anwendbar, weil das Kunstwerk als Inhalt die Einfachheit realisiert. Das Regiment der Antinomien, heißt das, hört im Kunstwerk auf; eben damit aber hört dem Kunstwerk gegenüber der Herrschaftsanspruch der traditionellen Logik auf.

Eine Art Sprung über den Schatten vollziehend, bringt es das Kunstwerk fertig, ganz und gar äußerlich zu sein. Es hat eine Haut, aber kein Dahinter. - Apropos, die Wahrheit der Dinge in einem imaginären Dahinter suchen, heißt sie als Lüge verstehen. Hinter eine Lüge kann ich kommen, hinter die Wahrheit nicht. Wahrheit ist das genaue Gegenteil von tief. - Als das, was im Unterschied zum Hinterhältigen ganz in Erscheinung tritt, verlangt das Kunstwerk denn auch nur, dass wir davorbleiben.

Eben das freilich macht die genannte Inhalt-Form- bzw. Gegenstand-Abbild-Ästhetik unmöglich, indem sie das Kunstwerk erst gar nicht sein lässt, sondern sogleich ihrem Schema entsprechend, demontiert. Das fängt an schon in den Sprachformen, in denen wir vom Kunstwerk reden. "Etwas darstellen" zum Beispiel, oder "etwas beschreiben" oder "etwas ausdrücken" … Logischerweise setzt das doch voraus, dass dieses Etwas verfügbar da sei; nur dass es sich in Wirklichkeit ganz anders verhält.

Erst der Ausdruck bringt das dann in ihm Ausgedrückte hervor; erst indem ich meine Trauer sage, und das heißt denke, wird sie selber ihrer ansichtig und damit ich ihrer habhaft. Man kann über Kunst, wenn man recht reden will von ihr, eben nur in Paradoxen reden. Als das, worin die Gegensätze in eins fallen, ist das Kunstwerk der vollendete logische Skandal; eine Art Hexeneinmaleins, in dem Ursache und Wirkung Bäumchen-wechsel-dich spielen und der Wagen das Pferd zieht.

Das Elend der Kritik beginnt also schon in ihrem Vorfeld, und zwar damit, dass sie den Gegenstand des Kunstwerks nicht als von ihm erst hervorgebracht einsieht, sondern als ihm voraufgehenden bzw. von ihm ablösbaren behandelt. Im krassesten Fall hat das zur Folge, dass man von einer Romanfigur so spricht, als ob es nicht eine durch Sätze erzeugte, sondern eine reale Figur wäre. Auch die sogenannten Inhaltsangaben, mit denen soundsoviel Prozent aller Kritiker ihr Geschäft betreiben, gehören hierher. Als ob dieser vermeintliche Inhalt etwas anderes wäre als das Resultat einer Abstraktion: jenes blasse Etwas nämlich, das zurückbleibt, wenn wir das Buch schließen und, wie man sagt, resümieren. Resümieren an einem Roman lässt sich nur das, was hollywoodreif ist an ihm. Auch hier wieder das merkwürdige, einem uneingestandenen Rachebedürfnis am Kunstwerk gleichkommenden Trieb, den Triumph, den es darstellt, rückgängig zu machen! In der Mehrzahl der Fälle schreiben Kritiker gar nicht über das Buch, sondern über das, was es, mit soundsovielem anderen verquickt, in ihnen hinterlässt, und was, außer in ihrem Kopf, nirgendwo existiert.

Die unvermeidliche Strafe dafür, dass der Kritiker genauso naiv, wie er den Gegenstand des Kunstwerks vorausgesetzt, auch den der Kritik meint voraussetzen zu dürfen. Auch Kritik muss ihren Gegenstand nämlich erst herstellen. Sie operiert ja nicht am Werk (das tut der Malprofessor, der seinem Schüler Korrektur gibt), sondern an dessen kritischem Modell, und von jedem Werk gibt es n kritische Modelle. Weder aber ist eines davon das rechte, noch mit dem Werk selber schon gegeben. Dass das Buch, über das einer schreiben soll, dazu schon da sein muss, heißt noch nicht, dass es auch für ihn als Kritiker schon da ist. Lässt Kritik sich in diesem Punkt täuschen, wird sie Kritik von nichts; und sehr viele Kritiken sind Kritik von nichts.

Sie beschränken sich auf unbestimmte Eindrücke und auf diese sich beziehende Behauptungen. Sie tadeln oder loben so, dass zwar der Kritiker sichtbar wird, aber nichts sonst. - Ein Typus der Kritik übrigens, der sich schon durch die Schwammigkeit der Sprache, die Lockerheit der Syntax, die mangelnde innere Logik verrät! Entgegen der landläufigen Meinung, dass ich, um etwas sagen zu können über eine Kritik, erst deren Gegenstand kennen muss, lässt sich nämlich durchaus an ihr selber ablesen, ob sie eine gute oder eine schlechte Kritik ist. Die erwähnte Meinung beruht einmal auf der Überschätzung dessen, was Urteil ist an einer Kritik, und das ist beinahe ihre quantité négligeable. Sie beruht weiter darauf, den Kritiker als einen Sonderfall anzusehen, und der Kritiker ist kein Sonderfall: da ein Minimum kritischer Reflexion schon an der Entstehung des Kunstwerks beteiligt ist, setzt er den Künstler sozusagen nur fort; kommt hinzu, dass es, mit Ausnahme der Kritik, die in Theaterfoyers, Kunstausstellungen, Konzertsälen usw. geübt wird, nur geschriebene Kritik gibt.

Diese geschriebene Kritik aber unterliegt dem gleichen Status wie alle andere Literatur auch: ein Kritiker ist primär Schriftsteller. Zumindest sollte er's sein: eine Kritik, die nicht nur ein gutes, und das heißt widerständiges Stück Prosa ist, ist keine. Ein Kritiker taugt, was er als Schriftsteller taugt; und falls es überhaupt so etwas wie ein Rechthaben gibt für ihn, hat er beiläufig und als Schriftsteller recht. - Ich muss hinzufügen, dass ich unter Schriftsteller etwas nicht eben Häufiges verstehe: den nämlich, der Schreiben als eine Methode benutzt, zu erkennen - sein Schreiben der Blindenstock, mit dem er sich seinen Weg sucht und sich zurechtfindet.

Verirrt er sich, merkt er das daran, dass seine Sätze nicht mehr stimmen. Ich möchte damit der Auffassung des Kritikers als Experten entgegentreten. Der Kritiker, sagt man, müsse etwas verstehen von dem, worüber er schreibe …

Meinetwegen! Nur, was heißt das: etwas von Kunst verstehen? Verstehen Künstler etwas von Kunst? Ein Gedicht des Barock aber als Gedicht des Barocks erkennen, hat nicht das geringste damit zu tun, es als Gedicht zu erkennen …

Bleibt die immer wieder gestellte fatale und bereits als solche falsche Frage, nach welchen Maßstäben denn nun Kritik verfahre.

Die Antwort kann nur lauten: Wenn der Kritiker nicht doktrinär-ideologisch vernagelt ist, nach gar keinen! Man kann messen nur das, was, eben durch die Methode, es zu messen, definiert ist. So ist das Gewicht eines Körpers definiert als der Druck, den er auf seine Unterlage ausübt, und ich messe diesen Druck, indem ich ihn mit dem Druck ad hoc genormter anderer Körper vergleiche. Es gibt aber in der Kunst nichts zu vergleichen bzw. was es in ihr zu vergleichen gibt, lohnt nicht: vergleichen lassen sich allenfalls Klischees, Versatzstücke, Konventionen. Was aber die angeblichen Prinzipien betrifft, welche die Analyse von Kunstwerken zutage fördert, sind sie durchweg von der gleichen Banalität, sprich Allgemeinheit, wie der Satz Paul Klees, Malen heiße, die richtige Farbe an den richtigen Ort bringen. Wäre es anders, müssten ja auch längst sichere Rezepte für die Herstellung von Kunst gefunden sein.

Übrigens ist ein Positivum, dass es sie nicht gibt, denn eben mit dem Abenteuer der Kunst wäre es damit aus. Das Kunstmachen würde ebenso langweilig, wie das Kunst kritisieren. Der Traum von einer Kunstkritik auf mathematisch-logistischer Grundlage ist zur einen Hälfte ein Traum der Trägheit, zur anderen ein solcher des Sekuritätsbedürfnisses. Man will nicht mehr hereinfallen. Man braucht aber auch gar nicht hereinzufallen! Indem das misslungene Kunstwerk das Ideal, hinter dem es zurückbleibt, wenigstens hinzeichnet, denunziert es sich in aller nur wünschenswerten Deutlichkeit selbst.

Archimedischer Punkt der Kritik kann jedenfalls nicht eine Sammlung von Prinzipien sein, sondern nur das sich ständig verlagernde Taifunzentrum der Kunst. Kunst, nicht als Zeitvertreib, sondern als Eroberung und Einrichtung der Welt, hängt nämlich auch von einem Willensmoment ab. Wo leidenschaftlich gestritten wird über Kunst, wird in verkleideter Form allemal darüber gestritten, wie es weitergehen soll mit ihr; und damit ist, da Geschichte sich immer nur als Ganzes bewegt, nicht nur nach vorne alles verworren, dunkel und offen, sondern nach rückwärts auch. Ich meine aber, das sei gut. Kunst stirbt nicht an Unsicherheit, sondern an Verhärtung zur Konvention.


Zitiert nach: Albrecht Fabri: Der schmutzige Daumen. Gesammelte Schriften. Frankfurt a. M. 2000. S. 76- 81.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Text als Download (pdf)