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Albrecht Fabri: Scholien (1947) (Auszug)

 

 

"Poesie ist Gemütserregungskunst", heißt es in den Fragmenten von Novalis. An einer anderen Stelle: "Der Poet braucht die … Worte wie Tasten."
Dasselbe, zynisch ausgedrückt: "La littérature est l'art qui consiste à se jouer de l'âme des autres." (Paul Valéry, Quelques notes sur la technique littéraire.) Allen drei Sätzen gemeinsam, dass Dichten in ihnen nicht, wie gewöhnlich, als Sagen (dictare; daher Dichter), sondern als Machen (poein, daher Poet) aufgefasst ist. Siehe insbesondere das zweite der beiden Novalisworte: "Der Poet braucht die … Worte wie Tasten."
Das heißt, er braucht sie wie Hebel, nämlich primitiv, mechanisch, physiologisch. Ein Wort ist etwas, und ein Wort bedeutet etwas. Es hat einen direkten, will sagen emotionalen, und einen indirekten, will sagen signifikanten Wert.
Der Dichter, der zwischen diesen beiden vermittelt, zieht vor allem Nutzen aus jenem.

Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz …

Diese beiden Verse sagen zwar etwas, aber nicht schon was sie sagen, erklärt ihre Wirkung, die sie in uns hervorbringen. Diese Wirkung ist nicht so sehr von der Art einer geistigen, als einer körperlichen Resonanz; sie verdankt sich nicht so sehr dem Sinn, als dem Rhythmus und Tonfall der zitierten beiden Verse.
Was diese beiden Verse sagen, lässt sich auch anders sagen; was sie machen, lässt sich nur mit ihnen machen.
Die Kunst des Dichters wäre also die Kunst, eine Folge von Worten zu erfinden, welche haltbar ist in dem Sinne, dass die Wirkung, die sie in uns hervorbringt, immer wieder nach ihr als der einzig möglichen Ursache dieser Wirkung, zurückverlangt. Sie ist die Kunst, eine vollkommene Gleichung herzustellen zwischen einer bestimmten Folge von Worten und einem unbestimmten Zustande unserer selber: bald das Wort sich in diesen, bald dieser sich in das Wort übersetzend, kurz, beide einander fordernd, produzierend und reproduzierend.

Ob übrigens nicht Edgar Allen Poes Theorie vom Gedicht - "A poem deserves its title only inasmuch as ist excites, by elevating the soul" (The Poetic Principle) - auf eine Anregung durch den eingangs zitierten Novalissatz zurückgeht? Gekannt hat Poe Novalis; siehe das XV. Stück seiner Marginalia, in dem er das Novaliswort "Der Künstler gehört dem Werk, nicht das Werk dem Künstler" anführt. "In nine cases out of ten it is pure waste of time to attempt extorting sense from a German apothegm", beginnt das erwähnte Stück; "or rather, any sense and every sense may be extorted from all of them … " Aber das ist bereits ein anderes Thema.

Zitiert nach: Albrecht Fabri: Der schmutzige Daumen. Gesammelte Schriften. Frankfurt a. M. 2000. S. 157 - 160.