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"Poesie
ist Gemütserregungskunst", heißt es in den Fragmenten von Novalis.
An einer anderen Stelle: "Der Poet braucht die … Worte wie Tasten."
Dasselbe, zynisch
ausgedrückt: "La littérature est l'art qui consiste à se jouer de l'âme
des autres." (Paul Valéry, Quelques notes sur la technique littéraire.)
Allen drei Sätzen gemeinsam, dass Dichten in ihnen nicht, wie gewöhnlich,
als Sagen (dictare; daher Dichter), sondern als Machen (poein,
daher Poet) aufgefasst ist. Siehe insbesondere das zweite der beiden Novalisworte:
"Der Poet braucht die … Worte wie Tasten."
Das heißt,
er braucht sie wie Hebel, nämlich primitiv, mechanisch, physiologisch.
Ein Wort ist etwas, und ein Wort bedeutet etwas. Es hat
einen direkten, will sagen emotionalen, und einen indirekten, will
sagen signifikanten Wert.
Der Dichter, der zwischen diesen beiden vermittelt, zieht vor allem Nutzen
aus jenem.
Füllest
wieder Busch und Tal
Still mit
Nebelglanz …
Diese beiden Verse sagen zwar etwas, aber nicht schon was sie sagen,
erklärt ihre Wirkung, die sie in uns hervorbringen. Diese Wirkung ist
nicht so sehr von der Art einer geistigen, als einer körperlichen Resonanz;
sie verdankt sich nicht so sehr dem Sinn, als dem Rhythmus und Tonfall
der zitierten beiden Verse.
Was diese beiden Verse sagen, lässt sich auch anders sagen; was
sie machen, lässt sich nur mit ihnen machen.
Die Kunst des Dichters wäre also die Kunst, eine Folge von Worten zu erfinden,
welche haltbar ist in dem Sinne, dass die Wirkung, die sie in uns hervorbringt,
immer wieder nach ihr als der einzig möglichen Ursache dieser Wirkung,
zurückverlangt. Sie ist die Kunst, eine vollkommene Gleichung herzustellen
zwischen einer bestimmten Folge von Worten und einem unbestimmten Zustande
unserer selber: bald das Wort sich in diesen, bald dieser sich in das
Wort übersetzend, kurz, beide einander fordernd, produzierend und reproduzierend.
Ob
übrigens nicht Edgar Allen Poes Theorie vom Gedicht - "A poem deserves
its title only inasmuch as ist excites, by elevating the soul" (The
Poetic Principle) - auf eine Anregung durch den eingangs zitierten
Novalissatz zurückgeht? Gekannt hat Poe Novalis; siehe das XV. Stück seiner
Marginalia, in dem er das Novaliswort "Der Künstler gehört dem
Werk, nicht das Werk dem Künstler" anführt. "In nine cases out of ten
it is pure waste of time to attempt extorting sense from a German apothegm",
beginnt das erwähnte Stück; "or rather, any sense and every sense may
be extorted from all of them … " Aber das ist bereits ein anderes Thema.
Zitiert
nach: Albrecht Fabri: Der schmutzige Daumen. Gesammelte Schriften. Frankfurt
a. M. 2000. S. 157 - 160.


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