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Alles
Ungewohnte, Überraschende lässt konfus. Wir haben Sprache nur für das
Banale. Ist aber das Banale nicht das, was wir allenfalls obenhin, das
heißt uneigentlich wahrnehmen? Das sogenannte Selbstverständliche führt
ein Schattendasein.
Nur
soweit etwas überhaupt nicht mehr, zumindest aber nicht mehr wie zum erstenmal
wahrgenommen wird, ist es geheuer. Wir haben Sprache einzig für das Ungefähre.
Der Vorrat an verfügbaren Redewendungen definiert den Umkreis der durch
Gewöhnung vergessenen, lies: in ihrem Dasein beschnittenen Dinge. - Der
Begegnung mit dem Geheuren verschlägt's die Sprache.
Sprache,
die es gibt, gibt es nur für die konventionelle Sicht auf etwas. Ein Ding
konventionell sehen, heißt aber doch, es im strengen Verstand nicht sehen.
Nur für den Blinden mithin gäbe es Sprache? Die wirkliche Sicht auf etwas
ist um den Preis wirklich, dass sie sich außerhalb der gegebenen Sprache
vollzieht.
Wirklich
also allein das Originale? - In derselben Weise, wie die gegebenen Dinge
ungesehen, bleibt die gegebene Sprache ungedacht. Sieht man ein Ding,
verwandelt es sich aus einem gegebenen in ein zu gewinnendes. Analog,
was die Sprache angeht.
Eine gegebene Redewendung bedenkend, verdunkelt sich ihr Sinn. Diese Verdunkelung,
die einem Verlust der Sprache gleichkommt, leitet den Akt ihrer Gewinnung
ein. Dieselben Worte zwar, mit denen der konventionell und der konfus
Sprechende umgehen; aber indes jener sie als gängige Münze braucht, wirft
dieser sie anfragend als Würfel; für ihn nämlich sind weder Sprache noch
Sache, wie für jenen, einfach da; beide vielmehr stehen gleichermaßen
für ihn im wörtlichsten Sinn auf dem Spiel.
Gewinnt
er bei diesem Spiel, wird das Ungeheure sagbar, und das wiederum heißt:
geheuer. Man kann die Verkrustung der Konvention nicht aufbrechen, ohne
eine neue Konvention zu stiften. Im selben Maß, in dem Wort und Sache
aus dem Stand zu produzierender in die produzierter übergehen, also gewonnen
werden, gehen sie verloren: Sprechen - genuines Sprechen - ist ein unendlicher
dialektischer Prozess.
Erster
Akt: die mit ihrem Verlust sich anbahnende Gewinnung der Sprache. Zweiter
Akt: der mit ihrer Gewinnung notwendig in eins betriebene Sprachverderb.
Was zur Sprache gekommen, ist eben damit bereits wieder der Sprache bedürftig.
- "Singt die Seele, so singt, ach! schon die Seele nicht mehr."
Perpetuierliches
Drama zwischen Konvention und Konfusion. Nur das Konfuse ist das Ursprüngliche;
es entscheidet über einen Schriftsteller, wie viel Unordnung in der Ordnung
seiner Sätze gewahrt bleibt. Je weiter sich Sprechen vom Stammeln entfernt,
desto leerer wird es. Der vollkommen rationale Stil hat Inzestcharakter.
Unüberbietbares
Modell dieses Stils: der Identitätssatz. - Sprache zu bleiben, muss sich
das Sprechen wieder und wieder in etwas, das Nichtsprechen ist, von sich
selbst erholen. Sprache im eigentlichen Verstand hat darum nur der, der
sie, im Sinn der gegebenen Sprache, nicht hat: der Dichter. - Ganz im
Gegensatz zu dem, was uns die Wörterbücher glauben machen, ist Sprache
ewiges Gerundiv.
Zitiert
nach: Albrecht Fabri: Der schmutzige Daumen. Gesammelte Schriften. Frankfurt
a. M. 2000. S. 354 f.


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