Homepage von Jürgen Kiel    

Albrecht Fabri: Kleine Meditation über Sprache (1952)

 

 

Alles Ungewohnte, Überraschende lässt konfus. Wir haben Sprache nur für das Banale. Ist aber das Banale nicht das, was wir allenfalls obenhin, das heißt uneigentlich wahrnehmen? Das sogenannte Selbstverständliche führt ein Schattendasein.

Nur soweit etwas überhaupt nicht mehr, zumindest aber nicht mehr wie zum erstenmal wahrgenommen wird, ist es geheuer. Wir haben Sprache einzig für das Ungefähre. Der Vorrat an verfügbaren Redewendungen definiert den Umkreis der durch Gewöhnung vergessenen, lies: in ihrem Dasein beschnittenen Dinge. - Der Begegnung mit dem Geheuren verschlägt's die Sprache.

Sprache, die es gibt, gibt es nur für die konventionelle Sicht auf etwas. Ein Ding konventionell sehen, heißt aber doch, es im strengen Verstand nicht sehen. Nur für den Blinden mithin gäbe es Sprache? Die wirkliche Sicht auf etwas ist um den Preis wirklich, dass sie sich außerhalb der gegebenen Sprache vollzieht.

Wirklich also allein das Originale? - In derselben Weise, wie die gegebenen Dinge ungesehen, bleibt die gegebene Sprache ungedacht. Sieht man ein Ding, verwandelt es sich aus einem gegebenen in ein zu gewinnendes. Analog, was die Sprache angeht.

Eine gegebene Redewendung bedenkend, verdunkelt sich ihr Sinn. Diese Verdunkelung, die einem Verlust der Sprache gleichkommt, leitet den Akt ihrer Gewinnung ein. Dieselben Worte zwar, mit denen der konventionell und der konfus Sprechende umgehen; aber indes jener sie als gängige Münze braucht, wirft dieser sie anfragend als Würfel; für ihn nämlich sind weder Sprache noch Sache, wie für jenen, einfach da; beide vielmehr stehen gleichermaßen für ihn im wörtlichsten Sinn auf dem Spiel.

Gewinnt er bei diesem Spiel, wird das Ungeheure sagbar, und das wiederum heißt: geheuer. Man kann die Verkrustung der Konvention nicht aufbrechen, ohne eine neue Konvention zu stiften. Im selben Maß, in dem Wort und Sache aus dem Stand zu produzierender in die produzierter übergehen, also gewonnen werden, gehen sie verloren: Sprechen - genuines Sprechen - ist ein unendlicher dialektischer Prozess.

Erster Akt: die mit ihrem Verlust sich anbahnende Gewinnung der Sprache. Zweiter Akt: der mit ihrer Gewinnung notwendig in eins betriebene Sprachverderb. Was zur Sprache gekommen, ist eben damit bereits wieder der Sprache bedürftig. - "Singt die Seele, so singt, ach! schon die Seele nicht mehr."

Perpetuierliches Drama zwischen Konvention und Konfusion. Nur das Konfuse ist das Ursprüngliche; es entscheidet über einen Schriftsteller, wie viel Unordnung in der Ordnung seiner Sätze gewahrt bleibt. Je weiter sich Sprechen vom Stammeln entfernt, desto leerer wird es. Der vollkommen rationale Stil hat Inzestcharakter.

Unüberbietbares Modell dieses Stils: der Identitätssatz. - Sprache zu bleiben, muss sich das Sprechen wieder und wieder in etwas, das Nichtsprechen ist, von sich selbst erholen. Sprache im eigentlichen Verstand hat darum nur der, der sie, im Sinn der gegebenen Sprache, nicht hat: der Dichter. - Ganz im Gegensatz zu dem, was uns die Wörterbücher glauben machen, ist Sprache ewiges Gerundiv.


Zitiert nach: Albrecht Fabri: Der schmutzige Daumen. Gesammelte Schriften. Frankfurt a. M. 2000. S. 354 f.