Homepage von Jürgen Kiel    

Die Moritat von Habakuk

 

Einst auf meines Rappen Rücken, durch den Forst und über Brücken
Ritt ich müd' und gliederschwer, suchte einen Platz zur Ruh.
Da erblickt' ich in der Ferne feinen Rauch, zum Abendsterne
Hoch er zog. Eine Taverne! hoffte ich und ritt gradzu.
Doch nur toter Stätte Mauer ragte schwarz und tot und stumm,
Und ein Vogel schrie "Krukuh".

Nun erkannt ich an der Mauer ein Gerippe voller Schauer,
Das genagelt dort auf Dauer ob zur Warnung ob als Streich,
Auf dem Kopfe bunte Fetzen, und mit größerem Entsetzen
Sah ich in des Schädels Zähnen roten Stoffrest zungengleich,
Dass er aussah wie ein böser Spötter aus dem Totenreich:
"Reiter, dies ist mein Bereich!"

S' ist die Pest, dacht ich mit Grausen, lebend wird hier keiner hausen,
Diese Stadt, sie ist verkommen, ging zugrunde jämmerlich,
Als ein Rascheln wie von Blättern, die aus Mauerritzen klettern,
Ward zum Etwas, schauerlich, welches stumm mein Pferd umschlich.
"Krummer Greis im Knöterich, du Filzbart, Atem widerlich:
Fort von mir, ich warne dich!"

Doch der Alte wollt nicht lassen, mit Krallenhand mein Bein umfassen,
Schrie im grünen Blätterkleide, augenrollend wie ein Spuk:
"Fremder höre die Geschichte, von dem Dämon ich berichte,
Welcher meine Stadt vernichtet, sie zerstörte Zug um Zug,
Einst so prächtig, stolz und mächtig, jetzt zermalmt durch Lug und Trug,
Schuld ist nur der Habakuk!"

"Hörte niemals diesen Namen, müsst in der Erinnrung kramen,
Glaub auch nicht, dass nur ein Mann hat vernichtet diese Stadt."
"Nun, dann höre die Geschichte, die ihr dir sogleich berichte,
Kannst hernach ja selbst gewichten, ob ich auf der Wahrheit Pfad.
Doch bedenke, dass ein Schuster stets die Hand am Riemen hat!
War nicht immer desolat!"

Diese Rede, wahnsinnsreich, brachte mich zum Grübeln gleich:
War's ein ausgebrochner Irrer, war's ein Nachtspuk, der mich trog?
Nein, der Gnom vor meinen Augen nie mehr würd' zum Schuster taugen!
Dennoch sprang ich ab vom Pferde, denn es war mir wie ein Sog.
Setzte mich auf einen Felsen und dann fort den Dialog,
Denn die Neugier überwog.

"Doch bevor ich's dir erzähle und dich zum Vertrauten wähle,
Gib mir deine rechte Socke", sprach er, "nur ein Scherz, gib sie mir her!"
Deutet auf die Knochenreste: "Dieser weiß es noch am besten,
Doch er schweigt ganz felsenfeste stumm an seiner Mauerwehr.
Darf ich deine Socke haben? Will auch gar nichts andres mehr!
Gib mir deine Socke her!"

Zog die Socke von dem Fuße, tiefer ging es ins Abstruse,
Fahnengleich schwang er den Stoff nun, krümmte sich wie Caliban:
"Dieses sei mein Ehrenzeichen, bringt die Feinde zum Erbleichen,
Niemals werden wir ihm weichen, diesem Bischof Blödian!" -
"Halt, jetzt geht was durcheinander, alter Mann im Fieberwahn,
Bitte, fang von vorne an!"

Markttag war's, die Leute strömten, hell die Musikanten tönten,
Vor dem Dom das Volk sich scharte, sah manch seltsame Gestalt,
Gaukler, Ritter, Diebe, Nonnen, Huren schöner als Madonnen,
Neben mir ein Mönch versonnen starrte auf ein Weiblein alt.
Sieben Jahre sind vergangen, oder sind's schon siebzig bald?
GOtt mir den Verstand erhalt!

Mann im prächtigen Gewande, wie aus fernem Morgenlande,
Stand da auf des Domes Treppe, sprach mit Worten süß wie Mohn,
Blauer Mantel sternenprächtig, grauer Bart, die Stimme mächtig,
Sprach dort so bedeutungsträchtig, sprach von Heil und GOtteslohn,
Sprach vom Himmelreich da oben, sprach von Jesus auf dem Thron,
Doch dem Klerus sprach er Hohn.

Andächtig das Volk ihm lauschte, während Wind den Mantel bauschte:
"Kehret um, vollzieht die Wende, denn ihr Bürger wart bequem!
GOttes Stadt soll diese werden, als ein Paradies auf Erden,
Umsturz wird die Macht gefährden, euch zum heiligsten Emblem,
GOttes Krone, GOttes Licht, GOttes leuchtend Diadem,
Himmlisches Jerusalem!"

Sein Gehilfe in dem Spiele sammelte der Münzen viele,
Schwarz die Haut und krumm der Rücken, vorn ein teuflisches Gesicht,
Schnappt das Geld für seinen Meister, während unser Bürgermeister
Schrie: "Der Kerl wird dreister! Greift ihn, zerrt ihn vors Gericht,
Ketzerrede! Aufruhrstimmung! Duldet seine Lügen nicht,
Treue ist jetzt Bürgerpflicht."

Wie gerufen von der Rede, sprang ein Schmied, sein Werkzeug hebend,
Finstren Blickes in die Fehde. Jeder dachte: Blut fließt hier!
Drohend hing des Schmiedes Hammer über Habakuks Gejammer,
Als der Grobschmied wie ein Stier brüllte: "Dies Geschenk sei dir!
Habakuk, hast wahr gesprochen, bitte sei ein Meister mir!
Habakuk, ich folge dir!"

Durch die Menge ging ein Stöhnen: "Habakuk zum Herrscher krönen",
Hörte man die Leute tönen, "wird der Stadt und uns zum Heil!"
Schon griff man den Bürgermeister, tunkte ihn in gelben Kleister,
Dann in Federn wälzte alles, band ihn hoch mit einem Seil.
Wie im Irrsinn schrie der Pöbel: "Schlagt ihn auf sein Hinterteil!
Nun wird Strafe ihm zuteil!"

"Braves Volk, nichts übereilen, ich will Gnade ihm erteilen,
Soll nur nicht mehr hier verweilen", sprach in zuckersüßem Ton
Habakuk, die Segenhände über Kinderköpfen pendelnd,
"In ein leeres Weinfass steckt ihn, als sein rechter Judaslohn,
Uund wer noch will sich beschweren, dem sei's Warnung und Lektion -
Aach, ich wollt euch doch nicht drohn!

Gebt mir ohne lang zu stocken alle euren rechten Socken,
Als ein Zeichen unsres Bundes, gebt mir euren Zehenschmuck!
Sockenlosigkeit heißt Reinheit, bloße Füße führn zur Einheit,
Zehenkerker sind Gemeinheit, denn auch Jesus nie sie trug,
Trug er, wie man weiß Sandalen, streng geschnürt mit Bändelzug.
Glaubt nur eurem Habakuk!"

Rasch ein Haufen ward geschichtet, Sockenopfer man entrichtet,
Dann mit Feuer sie vernichtet, o wie stank es in der Stadt!
Selig tanzten Arme, Reiche; Sockenlose waren Gleiche,
Socken brannten für den Frieden (was man nie gesehen hat),
Linke Socken wurden Fahnen, wehten frech an Turmhahns Statt.
Habakukens Sieg ging glatt!

Seht durch Rauch den Domherrn schreiten, zwei Kaplane ihn begleiten!
"Ketzer", ruft er, "euer Meister wird zur Hölle führen euch!"
Als wie eine schwarze Schlange, in der Hand die Eisenzange,
Habakukens Satansdiener des Domherrn Füße reicht',
Zieht die Socken von den Beinen, bis der Mann am Boden kreucht,
Fluchend er nach Beistand keucht.

Doch das Volk stand unbetroffen, eine Dirne stockbesoffen,
Ihm verband die Augen dreist mit zwei Socken blau und rot,
Schrie enthemmt (die Menge tobte): "Schaut her, hier kriecht mein Verlobter!"
Trat ihn in den Hintern feist, dass er fiel in Dreck und Kot,
Bis der Meister selbst erschien und dem Pöbel Halt gebot:
Chaos war ihm nicht kommod.

Denn der Meister war recht müde, sprach mit matter Attitüde,
Für Gewalt sei er zu prüde, flugs drängt er ins Schlafgemach,
Zog ins Bürgermeisterhaus ein, und sein Hofstaat hinterdrein:
"Morgen künd ich euch Gesetze, dass ein Ende eurer Schmach!" -
Domherr und auch Bürgermeister indes floh'n mit Weh und Ach,
Niemand weinte ihnen nach.

Vor dem Dom am nächsten Tage klärte Habakuk die Lage:
"Höret", sprach er, "was ich sage führt ins Himmelreich euch ein.
Weil ich diese Stadt so schätze, will erlassen ich Gesetze,
Dass Jerusalem im Himmel wird per Handstreich unser sein.
Selig sind die an mich glauben, wer nicht glaubt, der ist gemein,
Muss erleiden Höllenpein.

Diese Stadt wird neu sich nennen, jeder wird den Namen kennen,
Voll Verehrung ihn verkünden: Kuckucksheim wird sie genannt!
Hier nun soll der Reim regieren, wird die Welt neu arrangieren,
Wird uns Reichtum generieren: dieser Plan ist fulminant.
Sonntag heißt nun Sockentag, als Erinnrung an den Brand,
Die Idee find ich charmant!

GOttes Reich ist voller Reime, offene oder geheime,
Ihre Logik gleicht dem Leime, der das Volk zum Abgrund zieht.
Also wird wer einst ein Bauer künftig sein der - Fleischbeschauer,
Mancher brave Mühlenmüller künftig sei ein - Zähnefüller,
Ritter werden Rinder hüten und Kredit - gibt euch der Schmied -
Dieser Umbau klingt solid!

Will für mich nicht viel verlangen: eure Dankbarkeit empfangen,
Wird mir Ruhm und Geld ersetzen und mir ewig Wonne sein.
Doch drei Flaschen Whisky täglich machen Habakuk verträglich,
Pfeifentabak, der nicht kläglich, dazu besten roten Wein.
Abends hätt' ich gerne mehr, schöne Jungfraun müssen her,
Blond und braun zum Stelldichein.

"Gebt ihm alles!", schrie die Menge, es entstand ein arg Gedränge,
Whisky, Wein und zarte Maiden wurden Habakuk gereicht.
Der bedankte sich summarisch, grüsste alle solidarisch,
Doch verlogen war sein Sinnen, dacht' er bei sich: "Das war leicht!
Nie war eine Stadt so gläubig, hab' die Narren eingeweicht.
Habakuk bleibt unerreicht!"

Spät im Abendlicht des Platzes tanzten seltsam grelle Fratzen,
Kleine Kerle, Hosenmatze, üble Diener ihres Herrn,
Diese argen Widerlinge riefen laut obszöne Dinge,
Doch wie die dem Volk gefielen, ach wie hatte es sie gern!
S'waren Habakukens Zwerge, seiner Mannschaft harter Kern:
Binterim und Boltenstern.

Binterim schrie: "Blöde Narren, jeder von euch hat nen Sparren,
Eure Stadt ist uns ein Schmarren!", bis ein Mann rief totenbleich:
"Seht ich war dereinst ein Ritter, bin aber heut der Leichenbitter."
"Prima, bald herrscht hier der Schnitter!", Boltenstern ergänzte gleich. -
Und von Türmen wehten Socken, wiesen auf ein Himmelreich,
Das mit Wahnsinn deckungsgleich.

Auf den Straßen, auf den Gassen wogten sockenlose Massen,
Alle tanzten ausgelassen, wie ein wirrer Geisterspuk.
Man sah fette Frösche fliegen, Mönche kühn mit Möhren spielen,
Rieseneier bargen Ritter, und am Galgen hing ein Krug,
Um den Kirchturm kreisten Käse, und man Brot mit Bratschen buk.
Schuld war nur der Habakuk!

Fern von all dem Irrsinnstanze saß der Bischof in dem Glanze
Seiner Macht im Schlosse prächtig, als gemeldet, dass treppab
Staubbedeckte Menschen nahten, eine Audienz erbaten.
Bürgermeister, Domherr waren's, beider Kleidung reichlich knapp.
Amüsiert der Bischof lachte: "Führt die beiden her im Trab,
Nehmt dem Narrn das Weinfass ab!"

"Hoher Herr, uns Hilfe schenke wider eines Ketzers Ränke,
Welche in den Abgrund senkten unsre einst so fromme Stadt.
Unten ist was einst war oben, alle Werte sind verschoben,
Socken werden angebetet, Heidenzeug ist's, denkbar platt.
Aberglaube, Ketzerlehre, Satan seine Hochzeit hat.
Habakuk will GOttes Statt!"

"Ketzerstädte gibt es reichlich", sprach der Bischof, "unausweichlich
wwollen alle, dass sie fallen, ach wie ödet mich das an!
Früher waren Ketzer klüger, hochgelehrt, wenngleich Betrüger,
Und die Kirche musst' sich strecken, widerlegen ihren Wahn.
Ihr jedoch habt schmutz'ge Socken, dazu billig und profan
Einen alten Scharlatan!"

"Hört nur was er uns gepredigt, unsre Stadt ist schwer geschädigt,
Weil er die Moral geschändet", sprach der Domherr trüb und trist.
"Und sein übelstes Verbrechen wag ich hier kaum auszusprechen:
"Nehmt die Socken als Kondome", sprach der Teufel voller List.
"Sockenlüste sind die besten, ärgern Priester und Papist!" -
Da hilft nur ein - Exorzist!"

"Socken?! Welch ein Bubenstreich!" rief der Bischof zornesbleich,
"Eilet zu den Waffen hurtig, stoßt den Ketzerfürst vom Thron,
Denn die bunten Fußbegleiter wurden Satans Höllenleiter!
Wallenstein, mein Landsknechtsführer, nehmt des Ketzers Kopf als Lohn!
Socken auf der Schniedelspitze sind des Glaubens Negation:
Nichts hasst Rom wie das Kondom!"

Bald des Bischofs Leute zogen (tausend Knechte, ungelogen!)
Schwerter, Lanzen, Schilder, Bogen: "Kuckucksheim wird platt gemacht!"
Auch die Mönche applaudierten, Sockenkreuzzug sie notierten,
Was man lange noch studierte, 's war der Erste seiner Art.
Wallenstein, an seinem Gürtel hingen Schwerter für die Schlacht:
Habakuk, nimm dich in acht!

"Habakuk, die Feinde kommen!" wurde aus der Stadt vernommen,
Alles wollte heil entkommen, alles lief verstört umher.
"Ihr sollt Habakuk entthronen, jeden Zweiten werd ich schonen",
Brüllte Wallenstein nach oben: "Tore auf! Was wollt ihr mehr?"
Doch als Antwort warf man Socken voll mit Gülle auf das Heer,
Ihnen folgten Pech und Teer.

"Diese Stadt ist mir zuwider!", rief der arg beschmutzte Leader,
"Stürmt sie jetzt, macht alles nieder! Holt den Widder vor das Tor!"
Kurz darauf hört man es krachen und die rauen Kerle lachen,
Durch des Tores Loch sie stürmten: blut'gen Todes Korridor!
Ungeachtet dieser Lage sang man in der Stadt im Chor:
"Habakuk, führ uns empor!"

Nun der Kampf mit Macht entbrannte, niemand ein Erbarmen kannte,
Socken gegen Morgensterne: es war ungerecht verteilt!
Köpfe rollten, Pfeile flogen, Mauern warn mit Blut bezogen -
"Habakuk hat uns betrogen", rief die Menge eingekeilt.
Doch ihr Schicksal war besiegelt, sie zum Sterben eingeteilt -
Habakuk war längst enteilt.

Nein! Dort oben auf den Zinnen hasten Schatten schnell von hinnen,
Habakuk will noch entrinnen, Diener, Zwerge hinterdrein!
Doch hier endet ihre Reise, denn sie rafften säckeweise
Was sie nun am Laufe hindert, führt sie in die Hölle ein.
Als die Säcke prompt zerplatzten, sah man Socken sich befrei'n,
Voller Gold im Sonnenschein.

"Hier nun komm ich an mein Ende, es ist keineswegs Legende
Was ich dir berichtet habe", sprach der blätterreiche Greis.
"Übrig blieb allein ein Schuster, wenn auch ein von Gram verrußter,
Er steht vor dir, edler Fremder, als des Schrecklichen Beweis."
"Doch was wurde aus dem Bösen aus der Hölle tiefstem Kreis?"
Rief ich, auf der Stirne Schweiß.

Höhnisch wie ein Knecht der Hölle, zeigt der Alte auf die Stelle
Wo das grausige Gerippe an der Mauer zeugte Mord:
"Dort, sieh ihn in voller Länge, dort nun mag er ewig hängen
Und an seiner Socke kauen, Jahr um Jahr und immerfort."
Da gab ich dem Pferd die Sporen, wandte meinen Blick sofort
und verließ den finstren Ort.